Luftnot – was kann alles dahinterstecken?

Berlin, 15.11.2022 | Lesezeit: 3 Min.

Wenn ein*e Patient*in bei Ihnen mit Luftnot vorstellig wird und Sie eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bereits ausschließen könnten, wird Ihre nächste Frage wahrscheinlich sein, ob er*sie unter ständiger oder anfallsartiger Luftnot leidet. Denn während COPD-Patienten*innen oftmals unter einer dauerhaften Luftnot leiden, erfahren Menschen mit Asthma Luftnot eher in Attacken. Asthma und COPD gehören zu den häufigsten chronischen Lungenkrankheiten, die Sie in der Hausarztpraxis betreuen, daher könnte dies Ihr nächster Gedanke sein. Doch können der Dyspnoe neben Asthma und COPD sowie daraus resultierenden Exazerbationen auch Infekte oder gar eine Lungenfibrose zugrunde liegen. Daher gilt es bei Ihren Patienten*innen mit Lungenerkrankungen alle Symptome im Gesamtbild zu bewerten.

Asthma und COPD

2019 waren 3,4 Millionen Menschen in Deutschland an COPD erkrankt1 und ungefähr genauso viele Menschen wurden 2020 medikamentös wegen Asthma behandelt.2 Das bedeutet, dass zu diesem Zeitpunkt über 8 % der deutschen Bevölkerung an einer der beiden obstruktiven Lungenerkrankungen litten und sie somit wohl zu den häufigsten Lungenerkrankungen in Ihrem allgemeinmedizinischen Alltag gehören. Allerdings gibt es in der Diagnose eines Asthmas oder einer COPD oftmals Schwierigkeiten, weshalb Sie teilweise zu selten bzw. zu spät gestellt wird.3 Das kann zum einen daher rühren, dass Asthma- und COPD-Exazerbationen gerade zur Erkältungszeiten schwer von einer Infektion zu unterscheiden sind und eventuell übersehen werden können oder die Patienten*innen ihren Gesundheitszustand bereits als normal ansehen und Ihnen gegenüber die Symptome nicht ausreichend erwähnen. Gerade bei Patienten*innen, die Sie mehrfach jährlich mit Atemwegsinfekten aufsuchen, sollten Sie eine mögliche Asthma- oder COPD-Erkrankung ausschließen. Auch die Komorbiditäten erschweren eine Diagnose zusätzlich, gerade dann kennen Sie als Hausarzt Ihre Patienten*innen oft am besten und können das Gesamtbild der Symptome überblicken und gewichten. Allerdings kann es auch andersherum ablaufen: Asthma und COPD können noch seltenere Lungenerkrankungen verschleiern.4

Alpha-1-Antitrypsin-Mangel

Eine seltene genetische Ursache, die sich hinter den Symptomen einer COPD verstecken könnte, ist der Alpha-1-Antitrypsin-Mangel – auch Laurell-Eriksson-Syndrom genannt.7 Dabei handelt es sich um eine Erbkrankheit, von der schätzungsweise 24 von 100.000 Personen in Deutschland betroffen sind. Aufgrund einer Mutation können sie das Enzym Alpha-1-Antitrypsin nicht produzieren.8 Dieses ist besonders in der Lunge wichtig, da es hier Funktionen übernimmt, durch die das Lungengewebe geschützt wird. Durch den Alpha-1-Antitrypsin-Mangel kommt es zur Schädigung und Zerstörung der Alveolen und somit letztendlich zu einer gestörten Sauerstoffversorgung.9 Der Verdacht auf einen Alpha-1-Antitrypsin-Mangel liegt insbesondere dann vor, wenn sich ein Lungenemphysem bei einem*r Patienten*in unter 45 Jahren entwickelt hat, oder kein Risikofaktor, wie aktives Rauchen oder eine berufliche Schadstoffbelastung bei diesem*r Patienten*in besteht. Gesellt sich aus unerfindlichen Gründen zu den Symptomen eine Leberzirrhose, sollten Sie ebenfalls hellhörig werden. Der Gehalt an Alpha-1-Antitrypsin kann im Blutserum bestimmt werden.9 Wichtig ist es bei der Bestimmung im Hinterkopf zu behalten, dass es sich bei Alpha-1-Antitrypson um ein Akute-Phase-Protein handelt. Daher können beispielsweise Atemwegsinfekte zu falsch hohen Werten führen und damit einen echten Mangel des Enzyms verschleiern.

Pneumokoniosen

Dyspnoe, Schwächegefühl, wiederkehrende Bronchitis – Für diese Symptome und Erkrankungen sind Sie oft die erste Anlaufstelle Ihrer Patienten*innen und können dadurch die Symptome im Gesamtbild sehen und eine frühzeitige Diagnose stellen oder zur Abklärung an Ihre pneumologischen Kollegen*innen überweisen. Denn neben COPD oder Asthma könnte sich hinter den Symptomen auch eine Pneumokoniose verstecken. Pneumokoniosen sind Lungenerkrankungen die durch das Einatmen von anorganischen Stäuben wie z. B. Asbest (Asbestose) oder Quarzstaub (Silikose) ausgelöst werden können. Die Abgrenzung einer Pneumokoniose zu COPD kann besonders schwierig sein.5 Im Fall einer Silikose führt das Inhalieren und die Ablagerung der anorganischen Stäube in den Alveolen zu einem reaktiven Verhalten der Lunge, sodass Alveolarmakrophagen, Fresszellen des Immunsystems, die Partikel aufnehmen, um diese abzubauen. Die Makrophagen können diese jedoch nicht abbauen, weshalb sie zugrunde gehen. Als Reaktion darauf entstehen Entzündungsreaktionen und es kommt zur Fibrosierung (Vernarbung) der Lunge, wobei primär Ober- und Unterlappen betroffen sind. Die Veränderungen des Lungenparenchyms sind im Röntgen-Thorax zu erkennen.6 Wenn Ihr*ihre Patienten*in eine berufliche Staubexposition hat oder hatte oder Sie es mit einem*r leidenschaftlichen Heimwerker*in zu tun haben und die Diagnose Asthma bzw. COPD Ihnen nicht plausibel erscheint, sollten Sie überweisen, um per radiologischem Befund die Diagnose abklären zu lassen.7 Darüber hinaus ist es wichtig eine ausführliche Anamnese zu erheben, um die Ursachen eingrenzen zu können und bereits frühzeitig an eine berufsgenossenschaftliche Meldung zu denken.

Pulmonale Fibrose

Ja, eine Lungenfibrose ist selten. Gerade mal 14 – 43 von 100.000 Menschen leiden daran, weshalb sie vielleicht schnell als Asthma oder COPD fehldiagnostiziert werden könnte.4 Eine Lungenfibrose kann z. B. als Folge einer Pneumokoniose auftreten und kann letztendlich einen tödlichen Verlauf nehmen. Sollten Sie bei Patienten*innen mit trockenem Husten beim Abhören eine Sklerophonie (Knisterrasseln) wahrnehmen, sollten Sie eine Lungenfibrose unbedingt ausschließen. Eine ausbleibende Änderung des FEV1 (>15 %) im akuten Bronchospasmolysetest kann ein Unterscheidungsmerkmal zu Asthma und COPD sein4 Patienten*innen mit diesen Symptomen sollten zum*zur Pneumologen*in überwiesen werden, sodass weitere Untersuchungen wie ein Röntgen-Thorax durchgeführt werden können. Durch eine frühzeitige Diagnose kann die Progression der Krankheit sehr wahrscheinlich eingebremst werden und die Lebenserwartung um mehrere Jahre verlängert werden4 – wichtige Jahre, in denen der*die Patient*in eine Lungentransplantation bekommen könnte.


Quellen:

  1. Gesundheitsatlas Deutschland COPD (gesundheitsatlas-deutschland.de), Stand: 30.08.22
  2. PM Gesundheitsatlas Asthma_ASR (aok-bv.de), Stand: 30.08.22
  3. Hausen, Th. Pneumologie für die Praxis / Akute und chronische Atemwegserkrankungen mit Besonderheiten im fortschreitenden Alter Elsevier 2017
  4. Erkrankungen der Atemwege - Asthma, COPD – oder etwas ganz anderes? doctors|today, Stand: 30.08.22
  5. Krankheitsbilder Staublunge, Lungenaerzte-im-Netz Stand: 30.08.22
  6. Untersuchung Staublunge, Lungenaerzte-im-Netz Stand: 30.08.22
  7. Lehnert H et al. DGIM Innere Medizin – Die komplette Innere Medizin zum Nachschlagen. 2020
  8. Alpha-1-Antitrypsin-Mangel in Deutschland – Lungeninformationsdienst, Stand: 30.08.22
  9. Alpha-1-Antitrypsin-Mangel - Lungenärzte im Netz Stand: 06.09.22

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