Das erwartet Sie 2024 in der Praxis – Interview mit Prof. Frederik Trinkmann

Berlin, 31.01.2024 | Lesezeit: 5 Min.

Das Jahr 2023 brachte u. a. einige Neuerungen bei Behandlungswegen und -zielen der Therapie von Atemwegserkrankungen oder im Bereich der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Gemeinsam mit unserem PneumoChannel-Experten Prof. Frederik Trinkmann, Heidelberg, versuchen wir einen Blick in die Zukunft zu werfen um wichtige Themen für das neue Jahr einzuordnen.

Lieber Herr Prof. Trinkmann, in diesem Jahr werden uns in der Pneumologie mit Sicherheit einige interessante Themen beschäftigen. Hierzu zählt die Digitalisierung, ein Bereich, der sich stetig weiterentwickelt. Was im Speziellen die Telematik-Infrastruktur angeht, wird 2024 bestimmt spannende Neuerungen für das Gesundheitswesen hervorbringen. Aber lassen Sie uns auch einen Blick in weitere Bereiche werfen, die in der Medizin von der Digitalisierung profitieren. Können Sie uns Beispiele nennen, was Sie und Ihre Kollegen*innen aus der Klinik bis in die Niederlassung dieses Jahr erwarten wird?

Prof. Trinkmann: Das Thema Digitalisierung ist ebenso spannend wie vielfältig. Unseren Alltag unmittelbar betreffen werden die geplanten Änderungen in der Telematik-Infrastruktur. So ist gleich zum Jahresstart das e-Rezept für alle verpflichtend eingeführt worden. Darüber hinaus haben gesetzlich Versicherte die Möglichkeit, eine Gesundheits-ID zu beantragen, die genutzt werden kann, um sich bei Gesundheits-Apps anzumelden oder Zugang zum e-Rezept bzw. der elektronischen Patientenakte (ePA) zu erhalten. Letztere soll ab Anfang 2025 in Deutschland großflächig eingeführt werden. Versicherte haben im Rahmen eines Opt-Outs die Möglichkeit bis Januar 2025 zu widersprechen. Tun sie dies nicht, wird automatisch eine ePA für sie angelegt. Das Bundesgesundheitsministerium erhofft sich auf diese Art eine Nutzung durch 80 % der Versicherten.

Auf der Anwendungsseite gibt es ebenfalls spannende Entwicklungen. So werden durch das gerade ratifizierte Digital-Gesetz (DigiG) die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) tiefer in den Versorgungsalltag integriert, indem beispielsweise den Krankenkassen eine Frist zur Bereitstellung der Zugangscodes von zwei Tagen gesetzt wird (bislang beträgt die Wartezeit im Schnitt 13 Tage). Auch die Auswahl wächst. Mit der KATA-App steht eine weitere vielversprechende DiGA in den Startlöchern, die der Überprüfung der korrekten Inhalationstechnik dient. Die korrekte Durchführung des Inhalationsmanövers ist in der pneumologischen Therapie unabdingbar.1,2 In der gerade gestarteten Validierungsstudie wird untersucht, ob sich durch digitale Überwachung des Inhalationsmanövers unmittelbar Fehler erkennen und beheben lassen. Aber auch etablierte Therapiebegleitprogramme, die keine DiGA sind – hierzu gehört z. B. der TheraKey – werden fortwährend weiterentwickelt und an aktuelle diagnostische sowie therapeutische Veränderungen angepasst.

Bei digitalen Anwendungen müssen wir aber nicht nur an DiGAs und Apps für unsere Patienten*innen denken. Bereits seit längerem besteht eine KI-gestützte Auswertungsmöglichkeit für Lungenfunktionsmessungen von einem verbreiteten Hersteller (SentrySuite™, Vyaire). Die zugrundeliegende Technologie der Firma ArtiQ eignet sich auch für eine Qualitätsanalyse der Spirometrie, was zu erheblichen Verbesserungen der Untersuchungsqualität führen kann, aber auch Potenziale in der Schulung des Personals bietet. Dies trägt wiederum dazu bei, dass Verschlechterungen der Lungenfunktion zuverlässiger und frühzeitiger erkannt werden.

Früherkennung – ein Stichwort, das die Pneumologie, wie auch andere Fachbereiche, schon lange beschäftigt. Gibt es neue Aspekte dazu? Und was lässt sich präventiv tun, wenn eine Erkrankung erkannt ist?

Prof. Trinkmann: In der Pneumologie findet – wie in vielen anderen Fachdisziplinen auch – ein Umdenken zur Früherkennung statt. Auch ätiologisch wandelt sich zum Beispiel die Wahrnehmung der COPD und es besteht mehr und mehr Konsens, dass nicht alle COPD-Patienten*innen eine Raucheranamnese aufweisen.3 Dies ist insbesondere aus einer globalen Perspektive wichtig und hilft auch, eine ungerechtfertigte Stigmatisierung der COPD zu vermeiden. Die diagnostischen Maßnahmen sind zwar noch lange nicht in Stein gemeißelt, aber es tut sich in diesem Feld einiges. Dazu wird sicherlich auch die bevorstehende Einführung des Lungenkrebs-Screenings beitragen, da hiermit auch eine erhebliche Anzahl an bisher unentdeckten COPD-Kranken identifiziert werden könnte.

Nach der Diagnose hat natürlich auch die Behandlung eine wichtige Bedeutung, um Verschlechterungen der Erkrankung möglichst zu verhindern. Neben medikamentösen Therapiemaßnahmen rücken vor allem auch nicht-medikamentöse Maßnahmen in den Fokus.3 Dazu zählen die körperliche Bewegung und die Patientenschulung, beispielsweise mittels TheraKey. Aber natürlich auch die Impfprävention:3 Hier ist insbesondere die neuerliche Verfügbarkeit der RSV-Impfung zu nennen,3 zudem ist mit einer Ausweitung der Impfempfehlung in 2024 zu rechnen. Last but not least ist auch die Rauchentwöhnung ein Dauerbrenner und mittlerweile stehen uns hier sogar zwei DiGAs (NichtraucherHelden-App und Smoke Free – Rauchen aufhören) zur Verfügung.

 

Es werden immer mehr Zusammenhänge zwischen verschiedenen Erkrankungen bekannt, weshalb auch 2023 die ganzheitliche Wahrnehmung des*der multimorbiden Patienten*in immer stärker in den Fokus gerückt ist – ein Neudenken, das uns sicherlich auch in 2024 begleiten wird. Gerade bei COPD und Asthma treten bestimmte Komorbiditäten besonders häufig auf. Warum hier dieser starke Zusammenhang?

Prof. Trinkmann: Die Innere Medizin ist ein unglaublich vielfältiges Fach mit vielen Schnittstellen zu anderen Disziplinen. In den letzten Jahren ist eine vermehrte Spezialisierung eingetreten, da Therapiekonzepte immer individueller werden. Dies ist wichtig, aber mit der Herausforderung verbunden, den*die Patienten*in als ganzen Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Dies lässt sich sehr schön am Beispiel der entzündlichen Komponente bei Atemwegserkrankungen zeigen, die bei Asthma, aber auch der COPD eine zentrale Rolle spielt.3,4 Die Therapiekonzepte zwischen beiden Erkrankungen verschwimmen immer mehr, ermöglichen aber auch eine immer individuellere Therapie. Kardiovaskuläre Begleiterkrankungen sind beispielsweise bei der COPD in den Fokus gerückt, aber auch metabolische Komorbiditäten gewinnen zunehmend an Bedeutung.3 Beim Asthma spielen generell Allergien eine große Rolle und damit auch eine der großen, wenig beachteten Volkskrankheiten: die allergische Rhinitis.4 Ebenso wie Allergien muss diese konsequent mitgedacht und mitbehandelt werden, da sich sonst eine vollständige Kontrolle des Asthmas nur schwer erreichen lässt.4

Diese komplexen Interaktionen und die Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen machen einmal mehr deutlich, dass der Schlüssel zu einer optimalen Patientenversorgung in der Digitalisierung liegt. Dies beinhaltet einen einheitlichen Medikamentenplan, geht über die digitale Krankmeldung bis hin zur elektronischen Patientenakte, die einen vereinfachten digitalen Datenaustausch über die Sektoren und Disziplinen hinweg ermöglichen muss.

Beim Thema Patientenversorgung ist natürlich der Blick in die Versorgungsrealität von Patienten*innen immer spannend. Hier können wir in diesem Jahr mit spannenden Daten aus der RELEVANT-Studie zur Versorgung von Asthmapatienten*innen in Deutschland in Haus- und Lungenarztpraxen rechnen.

 

In der vorherigen Ausgabe des PneumoChannels haben Sie mit Herrn Prof. Vogelmeier die Anpassungen im aktuellen GOLD-Report diskutiert. Erwarten Sie dieses Jahr spannende Updates von Leitlinien im Bereich der pneumologischen Erkrankungen? Welche Themen stechen in Ihren Augen bei den aktuellen Leitlinien-Updates besonders hervor?

Prof. Trinkmann: Wie in jedem Jahr erwarten wir zum Welt-Asthma-Tag im Mai das GINA-Update und dann im November zum Welt-COPD-Tag die Aktualisierung der GOLD-Empfehlungen. Nach dem großen Update 2022 wurden im letzten Jahr weitere Themen ergänzt, beispielsweise die bereits angesprochenen Gebiete der Früherkennung, aber auch Abschnitte zum Rauchstopp und der Inhalatoren-Auswahl.3 In Deutschland ist eine pneumologisch-fachärztliche Leitlinie zur COPD in Arbeit und darüber hinaus wird es die Aktualisierung der Hustenleitlinie sowie der Leitlinie zur klimafreundlichen Inhalator-Verordnung geben – beides sehr spannende und hochaktuelle Themen.

 

Und zu guter Letzt: Auf welche Termine und Veranstaltungen können sich die Kollegen*innen dieses Jahr freuen?

Prof. Trinkmann: Auch in diesem Jahr ist der Kongresskalender wieder randvoll und wird begleitet von einer großen Zahl hochkarätiger Veranstaltungen. Los geht es gleich im März mit dem Jahreskongress der DGP, der in diesem Jahr in Mannheim stattfindet. Weiter geht es dann mit dem „Internisten-Kongress“, der Jahrestagung der DGIM, welche in Wiesbaden unter dem Motto „Präzisionsmedizin – Wünsche und Möglichkeiten“ stattfinden wird. Ende Mai wird es allergologisch mit dem EAACI in Valencia weitergehen, bevor sich nach der Sommerpause im September dann die gesamte Fachwelt auf dem weltweit größten pneumologischen Kongress – dem ERS – in Wien zusammenfindet. Auch das Fortbildungsprogramm ist mit Highlights gespickt, unter anderem im Rahmen der pneumoVisions und der Power:Hour von Berlin-Chemie.

Weiterführende Informationen

Sie möchten die wichtigsten Änderungen des GOLD-Reports 2024 nochmal kurz und bündig nachhören? Prof. Dr. Claus F. Vogelmeier, Marburg, fasst diese im Podcast für Sie zusammen.

Leitlinie oder Leidlinie? 2023 erschien die neueS2k-Leitlinie zur fachärztlichen Diagnostik und Therapie von Asthma. Erstautor Prof. Dr. Marek Lommatzsch fasste die wichtigsten Punkte auf der pneumoVisions für Sie zusammen. Lesen Sie die Zusammenfassung hier.

Digitale Atemtherapie bequem von zuhause? Baturay Yalvaç, Mitbegründer des Start-up Breathment, ist zu Gast im EinBlick Podcast.

Quellen:

  1. BÄK, KBV, AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie COPD – Teilpublikation der Langfassung, 2. Aufl. Version 1 2021
  2. BÄK, KBV, AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma – Langfassung, 4. Auflage. Version 1. 2020
  3. Global Strategy for the Diagnosis, Management, and Prevention of Chronic Obstructive Pulmonary Disease, GOLD-Report 2024, Version 1.0
  4. Lommatzsch M et al. S2k-Leitlinie zur fachärztlichen Diagnostik und Therapie von Asthma 2023, Pneumologie 2023; 77: 461–543

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