Wie man sich vor 100 Jahren die Zukunft der Telemedizin vorstellte

Berlin, 19.12.2025 | Lesezeit: 2 Min.

Auch wenn sie eine eher moderne Entwicklung darstellt, ist die Idee der Telemedizin keinesfalls neu. Vor rund hundert Jahren träumten Ärzte*innen bereits von Fernsprechstunden, funkübertragenen Vitalparametern und Apparaten, die Berührung über Distanz ermöglichen sollten. Einige Ideen mögen zwar eher skurril anmuten, doch überraschend vieles gehört mittlerweile fest zum medizinischen Alltag.

Der Dezember ist nicht nur der Monat der Besinnlichkeit und vorweihnachtlichen Geschäftigkeit, sondern auch der Jahresrückblicke. Bei den digitalen Aspekten der medizinischen Versorgung hat sich beispielsweise im vergangenen Jahr einiges getan.1 Auch telemedizinisch eröffnen sich fortlaufend neue Möglichkeiten. Doch so jung wie man vermuten mag, ist dieses Feld gar nicht: Die Verbreitung von Radio, Telefon und ersten Fernsehgeräten Anfang des 20. Jahrhunderts befeuerten einen technologie-verliebten Zeitgeist und kühne Visionen der Medizin aus der Ferne.

Medizinische Visionäre des frühen 20. Jahrhunderts

Bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts blieb die Ferndiagnostik nicht nur Theorie: Der niederländische Mediziner Willem Einthoven, Erfinder des Elektrokardiogramms und Urheber des Einthoven-Dreiecks, erkannte früh, dass eine fundierte Analyse von Herzerkrankungen eine Vielzahl klinischer Aufzeichnungen erfordert.2 Da das empfindliche und nicht transportable Messgerät des späteren Nobelpreisträgers im Labor stand, während sich die Patienten*innen in der Klinik befanden, überwand er 1906 die räumliche Distanz per Kabelverbindung und übertrug erstmals EKG-Signale über mehr als einen Kilometer.

Zwei Ärzte und Erfinder spekulierten knapp 20 Jahre später, wie eine kabellose Übertragung aussehen könnte.

Fritz Kahn beschrieb 1924 in Illustrationen einen Arzt, der in seinem Studierzimmer über Kontrollgeräte gebeugt sitzt.3 Auf einem Fernsehbildschirm an der Wand laufen Herz- und Atemkurven, über Lautsprecher erklingen Herztöne als musikalische Noten, und über ein Telefon spricht er mit den entfernt liegenden Patienten*innen. So müsse der*die Arzt*Ärztin zukünftig nicht mehr täglich bei Wind und Wetter das Krankenbett seiner*ihrer Patienten*innen aufsuchen.

Fast zeitgleich präsentierte Hugo Gernsback in einem Artikel das sogenannte „Teledactyl“ (von griech. tele – fern und dactylus – Finger) – ein Gerät mit Gelenkarmen und Bildschirm, das die Untersuchung aus der Ferne ermöglichen sollte.4 Der*Die Arzt*Ärztin steuert die Bewegungen über Funk, die Maschine ahmt sie bei den Patienten*innen nach und erlaubt das Fühlen aus der Ferne. Über ein Videotelefon könnten Ärzte*innen mit dem Teledactyl außerdem beispielsweise Dokumente fern-unterschreiben. Gernsbacks Begründung für die Notwendigkeit solcher Geräte resoniert mit der heutigen Zeit: der technologische Fortschritt verdränge persönliche Interaktion zugunsten des Kontakts aus der Ferne, zudem wird die Zeit für den einzelnen Kontakt immer weniger.

Wenn Fiktion Wirklichkeit wird

Ein Jahrhundert später ist vieles von dem, was einst gewagte Vision war, Teil des medizinischen Alltags. Videosprechstunden und Tele-Konsile gehören zur täglichen Praxis, Rezepte können digital ausgestellt werden, moderne OP-Roboter stehen zur Verfügung und mobile Sensoren erfassen Vitalparameter in Echtzeit. Wenn auch die modernen Geräte etwas anders aussehen als die damals erdachten und einige Jahrzehnte länger auf sich haben warten lassen, als den von Hugo Gernsback prognostizierten 50 Jahren4, bilden diese Vorhersagen doch überraschend gut die heutige Realität ab.

Quellen:

  1. Redaktion, Digital Health 2025: Trends, ePA & KI revolutionieren Versorgung. https://ibp-magazin.de/digitale-gesundheit-2025-revolutionaere-trends-und-gesetzliche-weichenstellungen-im-deutschen-gesundheitswesen/; zuletzt abgerufen 18.11.2025
  2. Moukabary T, Cardiol J 2007; 14: 316–317
  3. Voltin CA, Zuckier LS, JAMA 2024; 331: 1786–1788
  4. Novak M, Telemedicine Predicted in 1925. https://www.smithsonianmag.com/history/telemedicine-predicted-in-1925-124140942/; zuletzt abgerufen 18.11.2025

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