Primärarztmodell zwischen Aufbruch und Widerstand
Berlin, 24.11.2025 | Lesezeit: 3 Min.
Die Diskussion ist nicht neu. Die deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) fordert seit Jahren die Einführung eines Primärarztsystems.1 Nun hat die Bundesregierung das Thema im Koalitionsvertrag verankert: Die Hausärzte*innen sollen als Gatekeeper und Lotse durch das System fungieren.2,3 In Europa wird dies in vielen Ländern bereits praktiziert,7 aber kann es auch in Deutschland funktionieren? Während der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) die Pläne als lange überfällig begrüßt,3,4 sehen Kritiker Versorgungsrisiken und Fachärzte*innen und einige Verbände laufen Sturm.5,6
Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung eine gesundheitspolitische Zäsur angekündigt: die Einführung eines verbindlichen Primärarztsystems.2,3 Künftig soll jede*r Patient*in eine hausärztliche Praxis (bzw. kinderärztliche Praxis) als erste Anlaufstelle wählen, unabhängig vom gesundheitlichen Problem. Ausgenommen sind dabei gynäkologische und augenärztliche Konsultationen.2,3 Für Patienten*innen mit einer spezifischen chronischen Erkrankung soll eine besondere Lösung erarbeitet werden. Hier sind Jahresüberweisungen oder die Steuerung durch eine*n Fachinternisten*in, der*die als Primärarzt*ärztin fungiert, möglich.2,3 In Zukunft sollen Primärärzte*innen oder die Hotline 116117 den medizinischen Bedarf einschätzen und einen passenden Zeitkorridor für Facharzttermine vorgeben – notfalls soll eine ambulante Versorgung im Krankenhaus möglich sein. Ergänzend ist eine strukturierte, digitale Ersteinschätzung, verbunden mit dem Ausbau telemedizinischer Angebote, geplant. Damit wird die zentrale Rolle der Hausärzte*innen weiter gestärkt.2,3
Hausärztliche Vertreter*innen begrüßen den Vorstoß
Für den HÄV ist dies ein echter Durchbruch.3,4 Seine Einschätzung stützt sich auf jahrzehntelange positive Erfahrungen mit der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV).3,4 Das Modell hat sich in 15 Jahren erfolgreich etabliert und bundesweit sind rund zehn Millionen Versicherte eingeschrieben.3 Kritisch diskutiert wurde zuletzt die Berechnung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), dem zufolge mit der Einführung des Primärarztsystems pro Praxis jährlich bis zu 2.000 zusätzliche Arztkontakte anfallen könnten.3 Diese Zahl bestimmte die Schlagzeilen und nährte Sorgen, Hausarztpraxen könnten überlastet werden.3 Das Zi selbst relativierte dies jedoch und betonte, die Daten müssten differenziert betrachtet werden.3 Auch der HÄV verweist darauf, dass viele Überweisungen ohnehin im Rahmen regulärer hausärztlichen Kontakte erfolgen und zusätzliche Termine daher nur selten entstehen.3 Konservativ gerechnet würde die reale Mehrbelastung laut Verband bei etwa 380 Kontakten pro Jahr liegen, was rund zwei zusätzlichen Patienten*innen pro Tag entspräche.3
Gegenstimmen aus der Fachärzteschaft
Ganz anders fällt die Sicht der Fachärzte*innen aus.5 Der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands (SpiFa) lehnt ein Primärarztsystem strikt ab.5 Ein verpflichtender Erstkontakt in der hausärztlichen Praxis bedeute aus seiner Sicht mehr Bürokratie, unnötige Termine und steigende Kosten.5 Besonders für chronisch kranke Menschen, die regelmäßig fachärztlich betreut werden, sei eine Überweisungspflicht realitätsfern.5 Auch in der Notfallversorgung warnt der SpiFa: Patienten*innen mit akuten Verletzungen oder Brüchen dürften nicht zunächst über die Hausarztpraxis „geschleust“ werden.5 Zudem lehnt der Verband ab, Krankenhäuser für die ambulante Versorgung stärker zu öffnen.5.
Auch Psychotherapeut*innenverbände äußern Bedenken.6 Seit 1999 haben Patienten*innen direkten Zugang zur Psychotherapie ohne hausärztliche Überweisung, was sich nach Einschätzung der Verbände bewährt hat.6 Nun wird gewarnt, dass eine Überweisungspflicht den Zugang erschweren, Wartezeiten verlängern und gerade in ländlichen Regionen die Versorgung verschlechtern könnte.6 Hinzu kommt: Doppelbehandlungen, die das Primärarztsystem verhindern soll, gibt es in der Psychotherapie nicht, da Krankenkassen Genehmigungsverfahren und Gutachten verlangen.6 Eine hausärztliche Überweisung würde somit keinen Mehrwert bringen, sehr wohl aber eine zusätzliche Hürde darstellen – besonders für Menschen, die ohnehin lange zögern, Hilfe zu suchen.6
Kassen präsentieren Optimierungsvorschläge
Das kürzlich verabschiedete Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat die Debatte um die Steuerung der ambulanten Versorgung neu befeuert.7 Vorgesehen ist, dass Patienten*innen über eine*n gewählte*n Primärarzt*ärztin– sei es Hausarzt*ärztin, Kinder- und Jugendarzt*ärztin oder Gynäkologe*in – durch das Versorgungssystem gelenkt werden.7 Bestimmte Fachrichtungen wie Augenärzte*innen oder Psychotherapeuten*innen sollen weiterhin ohne Überweisung zugänglich bleiben, ebenso Vorsorgeleistungen oder Impfungen.7 Für Versicherte ohne gewählte*n Primärarzt*ärztin sieht die KBV den Ausbau der bekannten 116117-Plattform vor, die künftig als Terminvermittlungsstelle und Zuweisungsinstrument fungieren soll.7
Auch die Krankenkassen haben eigene Konzepte entwickelt. Die AOK setzt auf multiprofessionelle Primärversorgungsteams mit qualifizierten Facharzt-Überweisungen bei freier Arztwahl, während der Verband der Ersatzkassen ein persönliches ärztliches Team aus Hausarzt*ärztin und Grundversorger*innen vorschlägt, ergänzt durch digitale Plattformen und Eigenbeteiligungen bei Behandlungen außerhalb dieses Teams.8,9
Ran an die Umsetzung?!
Im internationalen Vergleich sind Primärarztsysteme eher die Regel als die Ausnahme. In vielen europäischen Ländern wie Italien, Spanien, England, den Niederlanden und Frankreich und den nordischen Staaten wie Dänemark, Finnland und Norwegen sind diese längst etabliert.10 Die Teilnahme erfolgt entweder verpflichtend oder auf freiwilliger Basis.10
In Deutschland soll mit dem Primärarztsystem nun ein ähnlicher Weg eingeschlagen werden. Aktuell bleiben jedoch noch viele Fragen offen: Wie wird die Umsetzung konkret aussehen? Welche Ausnahmen gelten? Wie wird die Delegation gestaltet und ist der Ausbau der Digitalisierung so weit, um den Weg zu ebnen?
Die Hausarztzentrierte Versorgung ist ein erster Schritt in die Primärarztversorgung in Deutschland, aber nicht für alle zugänglich. Beispiele aus dem Ausland zeigen, dass mit klaren Strukturen, multiprofessionellen Teams und einer stabilen Finanzierung ein übergreifendes Primärarztsystem funktionieren kann. Entscheidend wird sein, ob Politik und Selbstverwaltung die richtigen Rahmenbedingungen setzen und vor allem, dass sich alle Interessenvertretungen einig werden.
Weiterführende Informationen
Wie sehen die Primärarztstrukturen im europäischen Ausland aus. Mehr dazu finden Sie hier.
Welche Modelle von Patientensteuerung gibt es? Dieser Artikel gibt einen Überblick.
Quellen:
- DEGAM-Empfehlungen an die Politik: Acht Therapievorschläge für die Gesundheitsversorgung, www.degam.de (letzter Zugriff 27.08.2025)
- Stellungnahme BDI: BDI-Analyse: Stand der Koalitionsverhandlungen im Bereich „Gesundheit und Pflege“, www.bdi.de (letzter Zugriff 27.08.2025)
- Jana Sauer: Primärarztsystem: (Wie) kriegen die Praxen es hin? Hausärztliche Praxis 12/2025
- Nicola Buhlinger-Göpfarth und Markus Beier: Primärarztsystem: Auf jeden Fall machbar, Hausärztliche Praxis 12/2025
- Charly Kahle: Fachärzte erneuern harte Kritik an hausärztlichem Primärarztsystem, www.gelbeliste.de (letzter Zugriff 27.08.2025)
- Charly Kahle: Verbände warnen: Primärarztsystem gefährdet direkten Zugang zur Psychotherapie , www.gelbeliste.de (letzter Zugriff 27.08.2025)
- Positionen und Vorschläge zur Patientensteuerung in der Notfall-, Akut- und Regelversorgung, www.kbv.de (letzter Zugriff 27.08.2025)
- Primärarztsystem: AOK setzt auf Teampraxis, www.aerztezeitung.de (letzter Zugriff 27.08.2025)
- vdek-Idee zur Patientensteuerung: Versicherte sollen „persönliches Ärzteteam“ bilden, www.aerztezeitung.de (letzter Zugriff 27.08.2025)
- Gina Wittlinger und. Leonie Sundmacher: „Primärarztsysteme im internationalen Vergleich: Wie gestalten andere Länder ihre Versorgung und was kann Deutschland davon lernen? MVF 04/2025 18. Jahrgang 04.08.2025
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