Noch immer unterschätzt: psychische Komorbiditäten bei COPD
Berlin, 30.10.2024 | Lesezeit: 3 Min.
Der „innere Schweinehund“ wird wohl den meisten ein Begriff sein. Für viele COPD-Patienten*innen ist es jedoch nicht das sprichwörtliche Tier, das es zu überwinden gilt, sondern noch größere unsichtbare Hürden wie COPD-bedingte Ängste und Depressionen. Diese wirken sich nicht nur negativ auf die Lebensqualität von Betroffenen aus, sondern stehen auch in einem engen Zusammenhang mit eingeschränkter Aktivität und reduzierter Adhärenz, was zu erhöhter Mortalität führen kann.1 Um dem entgegenzuwirken ist es wichtig, psychische Begleiterkrankungen frühzeitig zu erkennen und passende Maßnahmen einzuleiten.
Depressionen und Ängste haben eine hohe Prävalenz unter COPD-Patienten*innen: etwa jede*r Vierte leidet unter Depressionen, Angststörungen wurden bei etwa jedem*r Sechsten diagnostiziert.2 Subklinische depressive und Angst-Symptome werden sogar von bis zu 80 % der Betroffenen berichtet.3 Dennoch werden diese häufigen psychischen Begleiterkrankungen in der Praxis noch zu selten erfasst.2 Und auch bei anderen pneumologischen Erkrankungen ist es von Bedeutung, psychische Komorbiditäten zu berücksichtigen.4
Psychische Belastung bei COPD
Ängste und Depressionen können für COPD-Betroffene ein erhebliches zusätzliches Leiden darstellen. Die negativen Auswirkungen der psychischen Erkrankungen auf den Verlauf der COPD sind nur ein weiterer Grund dafür, sie frühzeitig zu diagnostizieren und entsprechend zu therapieren. Doch warum häufen sich die Fälle mit Ängsten und Depressionen unter COPD-Betroffenen und welchen Einfluss haben sie auf die COPD? Wer einmal einen Anfall schwerer Atemnot erlitten hat, ist oft von dieser Erfahrung traumatisiert.3 Daraus resultierend werden häufig Aktivitäten eingeschränkt, aus Angst, erneut Atemnotanfälle zu erleiden. Auch das drohende Lebensende und eine mögliche Langzeitsauerstoffversorgung können Ängste auslösen.3 Ebenso stellen Depressionen eine besondere Gefahr dar, denn sie führen oft zu sozialer Isolation, mangelnder Motivation und Freude an Aktivitäten und zu reduzierter Therapieadhärenz. Diese Faktoren begünstigen jedoch den Abbau körperlicher Fitness und weitere Verschlechterungen der Symptomatik.3
Henne oder Ei
Bei der starken Assoziation von COPD und Depressionen stellt sich auch die Frage der Kausalität. Es erscheint naheliegend, dass die Belastungen durch Symptome der COPD ursächlich für die Entstehung von Depressionen sind. Außerdem wird ein Einfluss von chronischer Inflammation auf die Entstehung von Depressionen erforscht und kontrovers diskutiert: Einige Studien fanden erhöhte Entzündungsmarker bei Betroffenen, andere wiederum zeigten keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Entzündungsmarkern und Depressionssymptomen bei COPD-Patienten*innen.1 Die gegensätzlichen Studienergebnisse zeigen, dass hier weiterer Forschungsbedarf besteht.
Andererseits deuten neueste Untersuchungen darauf hin, dass umgekehrt Depressionen das Risiko an COPD zu erkranken erhöhen könnten. Eine Mendelsche Randomisierungsstudie zeigte eine signifikante Assoziation zwischen dem Vorliegen von Risikogenen für Depressionen und für COPD, nicht aber umgekehrt.5 Der Effekt von äußeren Einflüssen, wie Umweltfaktoren und Lebensumständen, auf die tatsächliche symptomatische Ausprägung der beiden Erkrankungen wurde bei der Interpretation der Ergebnisse allerdings nicht berücksichtigt. Dennoch vielleicht gar nicht so abwegig, wie es erst mal scheinen mag - eine kürzlich veröffentlichte Neuroimaging Studie zeigte, dass schon Jahre vor dem Auftreten depressiver Symptome strukturelle Veränderungen im Gehirn im Bereich des Verhaltens- und Belohnungszentrums stattfinden.6 So könnten möglicherweise negative Verhaltensweisen begünstigt werden.6
Effektiv intervenieren
Eine erste Einschätzung, ob psychische Komorbiditäten vorliegen, lässt sich durch direkte Nachfrage nach Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und reduzierter Freude an Dingen, die der*die Patient*in eigentlich gerne tut, gewinnen.4 Tiefere Hinweise geben strukturierte Fragebögen, wie beispielsweise der PHQ-9 (Patient Health Questionnaire 9), der GAD-7 (Generalized Anxiety Disorder 7) oder der HADS (Hospital Anxiety and Depression Scale).4 Deuten diese auf eine psychische Begleiterkrankung hin, kann an eine psychiatrische Fachpraxis zur Diagnose und Therapieeinleitung überwiesen werden.4
Auch bei leichten depressiven Symptomen und Unsicherheiten sollte bereits interveniert werden. Krankheitsspezifische Schulungen und Selbsthilfegruppen können in diesem Fall schon eine große Hilfe für Patienten*innen darstellen und zu mehr Souveränität im Umgang mit ihrer Erkrankung beitragen.3 Bei schwereren Depressionen und Ängsten wird oft die kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt und für COPD-Patienten*innen existieren an die Erkrankung angepasste Programme.3 Dabei werden dysfunktionales Denken und Emotionen, beispielsweise im Kontext von Atemnot oder sozialer Isolation thematisiert sowie Folgen aus negativen Verhaltensweisen. Daraufhin erlernen Betroffene Techniken zur Angstbewältigung und zum erfolgreichen Selbstmanagement.3 Die kognitive Verhaltenstherapie hat sich bei krankheitsassoziierten psychischen Erkrankungen als besonders wirksam erwiesen, insbesondere wenn sie mit Maßnahmen zur Aktivitätsförderung kombiniert wird.3 Das kann beispielsweise im Rahmen einer pneumologischen Rehabilitation erfolgen.
Weiterführende Informationen
Sie möchten mehr über Depressionen und Angststörungen bei COPD erfahren? Lesen Sie hier weiter.
Zum Beispiel hier können Sie den PHQ-9- und den GAD-7-Fragebogen für Ihre Patienten*innen finden. Hinweise zu weiteren geeigneten Fragebögen finden Sie außerdem in Quelle 4.
Quellen:
- Zareifopoulos N. et al., COPD, 2019; 16(5-6): 406–417
- BÄK, KBV, AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie COPD – Teilpublikation der Langfassung, 2. Auflage. Version 1. 2021
- Schenk S.K. et al., Atemwegs- und Lungenerkrankungen, 2024; 50(7): 333–341
- Merleker J. et al., Zeitschrift für Pneumologie, 2024; 21: 209–2017
- Liu A. et al., J Affect Disord, 2024; 351: 782–789
- Lynch C.J. et al., Nature, 2024. DOI:10.1038/s41586-024–07805-2. Online ahead of print
Viel Dank für Ihre Bewertung!
Ihr Feedback hilft uns, unsere Inhalte interessant zu gestalten.



