GOLD-Update

Berlin, 21.12.2023 | Lesezeit: 5 Min.

GOLD-Report: Änderungen im Überblick

 

„Atmen ist Leben – Früher Handeln” – das Motto des Welt-COPD-Tags 2023 machte auf die Bedeutung einer frühzeitigen Lungengesundheit, einer frühzeitigen Diagnose und frühzeitiger Interventionen aufmerksam. Denn die Gesunderhaltung der Lunge ist ein wesentlicher Bestandteil der zukünftigen Gesundheit, und es ist heute wichtiger denn je, früher zu handeln. Deswegen beziehen sich auch einige der Updates des neuen GOLD-Reports auf dieses Motto. Die wichtigsten Änderungen fasst Prof. Dr. Claus F. Vogelmeier, Marburg, zu Gast im PneumoChannel Podcast bei Prof. Dr. Trinkmann, Heidelberg, zusammen.

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Auszug aus dem Podcast:

Prof. Trinkmann: Im letzten Jahr gab es bereits sehr umfassende und wichtige Änderungen, vor allem im Bereich der Therapie der COPD. Diese sind immer noch hoch aktuell, sodass ich vielleicht mit einem kurzen Blick in den Rückspiegel starten möchte. Könnten Sie uns die wichtigsten Änderungen aus GOLD 2023 kurz zusammenfassen?

Prof. Vogelmeier: Also wie Sie schon gesagt haben, hat sich im Jahr 2023 einiges geändert. Es wurde eine neue Gruppe eingeführt, in der die Gruppen C und D zusammengefasst worden: Die Gruppe E.Die Idee dahinter war, dass es eigentlich nicht so sehr darauf ankommt, ob jemand, der eine relevante Exazerbationshistorie und damit ein relevantes Exazerbationsrisiko hat, auch darüber hinaus noch mehr oder weniger symptomatisch ist. Die Tatsache, dass Exazerbationen drohen, dominiert alles andere. Im Zusammenhang damit sind auch die Therapieempfehlungen überarbeitet worden. Es gibt die klare Empfehlung der dualen Bronchodilatation für nahezu alle Patienten*innen, bei denen eine neue Diagnose gestellt wird. Das bedeutet, für die Gruppen B und E wird die Verwendung einer LABA (langwirksamer Beta2-Agonist)/LAMA (langwirksamer Muskarinrezeptor-Antagonist)-Kombination empfohlen.Der Start der Therapie mit einer Monotherapie bei Gruppe B oder mit einer LABA/ICS (inhalatives Kortikosteroid) Therapie bei Patienten*innen mit einem relevanten Exazerbationsrisiko wird somit nicht mehr empfohlen.Es hat sich gezeigt, dass eine Tripletherapie bei Patienten*innen, die eine Exazerbationshistorie haben, der LABA/ICS-Therapie überlegen ist. Das heißt, wenn ICS bei COPD, dann in Form einer Tripletherapie.Durch die Änderungen sind die Algorithmen einfacher geworden.

Prof. Trinkmann: Dann lassen Sie uns gerne direkt in die Neuerungen im aktuellen GOLD-Report 2024 einsteigen. Das Thema Inhalationstherapie hatten Sie schon angesprochen, und es gab einige Ausführungen zu diesem sehr wichtigen Thema. Um was handelt es sich dabei konkret?

Prof. Vogelmeier: Wir haben klarer gefasst, worauf es eigentlich ankommt. Es ist keine Frage, dass die Wahl des Inhalators von enormer Relevanz für den Erfolg der Therapie ist. Dementsprechend sollten sich die behandelnden Ärzte*innen bemühen, wirklich den für die Patienten*innen idealen oder bestgeeigneten Inhalator zu finden. Die Art des durchzuführenden Manövers definiert, ob Patienten*innen besser mit einem Trockenpulver, Dosieraerosol oder möglicherweise mit einem Vernebler behandelt werden sollten.2 Zusätzlich wird noch mal klar herausgestellt, dass die Zahl der einzusetzenden Devices so gering wie möglich sein sollte.2 Idealerweise sollte für eine*n Patienten*in nur ein bestimmter Device-Typ verordnet werden, damit es nicht zu Verwirrungen kommt und möglicherweise den Therapieerfolg gefährdet.2

Prof. Trinkmann: Ein weiteres Thema, das ich persönlich auch mit sehr viel Spannung gelesen habe, ist das Thema Überblähung bei COPD. Können Sie uns da ein paar Einzelheiten geben, was das Thema Überblähung angeht?

Prof. Vogelmeier: Überblähung ist eigentlich ein Thema, das nicht ausreichend gewürdigt wird. Das hängt damit zusammen, dass in den meisten Ländern der Welt keine Bodyplethysmographen zum Einsatz kommen, sondern, wenn überhaupt, nur eine spirometrische Diagnostik erfolgt. Damit kann man möglicherweise eine inspiratorische Kapazität abbilden, aber kein Residualvolumen (RV) und keine RV/TLC-Verhältnisse, weshalb man damit einfach relativ kurz zielt. Im GOLD-Report ist dargestellt, wie man die Überblähung messen kann, wie die Datenlage ist bezüglich der Relevanz von statischer und dynamischer Überblähung und zusätzlich die Tatsache, dass Überblähung auch sehr deutlich zur Mortalität korreliert ist.2

Prof. Trinkmann: Ein Thema, was natürlich schon etwas verbreiteter ist im GOLD-Report, ist das Thema Eosinophile. Auch hierzu gab es Anpassungen und neue Erkenntnisse, die in das Dokument eingeflossen sind.

Prof. Vogelmeier: Das Thema Eosinophile hat über die Jahre eine immer größere Bedeutung gewonnen. Ich glaube, es ist jetzt fair zu sagen, dass es einen Subtyp von Patienten*innen mit COPD gibt, die man als Patienten*innen mit einer Typ-2-Signatur bezeichnen kann. Diese werden typischerweise durch die erhöhte Eosinophilenzahl im peripheren Blut diagnostiziert.Was wir jetzt im neuen Dokument aufgeführt haben, ist die Diskussion, ob Eosinophile per se ein Biomarker dafür sind, dass jemand exazerbationsgefährdet ist. Zu diesem Thema gibt es widersprüchliche Literatur. Es gibt Daten, die in bestimmten Populationen darauf hinweisen, dass die Eosinophilenzahl mit dem Exazerbationsrisiko korreliert ist.Andere Untersuchungen mit der gleichen Fragestellung haben das nicht gefunden.Vor diesem Hintergrund stellen wir im Report heraus, dass man die Eosinophilenzahl im peripheren Blut leider nicht per se als Risikomarker für die Frage, ob jemand in Zukunft eine Exazerbation erleiden könnte, verwenden kann.

Prof. Trinkmann: Rauchentwöhnung, ein Thema bei dem wir Pneumologen*innen uns alle einig sind, dass man nicht lange darüber diskutieren muss, wie wichtig Rauchentwöhnung ist. Dieser Abschnitt wurde ebenfalls im GOLD-Report überarbeitet. Was gab es denn bei der Rauchentwöhnung Neues?

Prof. Vogelmeier: Wir haben versucht alle Fakten zusammenzustellen, die in diesem Kontext erhoben werden können. Wir betonen nochmal, wie wichtig es ist, die Patienten*innen von den Zigaretten wegzubringen. Wir haben ein extra Kapitel zur Pharmakotherapie aufgenommen, das im Zusammenhang mit der Rauchentwöhnung die üblichen Verdächtigen, Vareniclin, Bupropion, Nortriptylin, aber auch natürlich Nikotin-Ersatzpräparate aufführt. Mit Ausnahme der E-Zigaretten.Da haben wir eine deutliche Position, die auch der deutschen Position entspricht, die die DGP und weitere Geschellschaften schon formuliert haben, dass wir dem sehr skeptisch gegenüberstehen.3,4 Wir machen uns Sorgen bezüglich der E-Zigaretten und der möglichen Langzeit-Komplikationen, die daraus resultieren könnten.

 

Prof. Trinkmann: Ist denn das Thema digitale Gesundheitsanwendung zur Rauchentwöhnung oder generell digitale Strategien international auch ein Thema oder ist das eine rein deutsche Sache im Moment?

Prof. Vogelmeier: Nein, das ist auch international ein Thema. Wir haben uns vorgenommen, in die nächste Version des GOLD-Reports aufzunehmen, was es im Zusammenhang mit digitalen Aspekten bezüglich der COPD gibt. Das ist glaube ich ein Thema, das bisher zu wenig ausgearbeitet ist und ich sehe da eigentlich große Chancen für die Zukunft.

Prof. Trinkmann: Präventive Strategien gewinnen generell immer mehr an Bedeutung. Das Impfen ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt. Die Impflandschaft hat sich, nicht nur mit SARS-CoV2, deutlich geändert. Wie sieht die aktuelle Positionierung und die Thematik im GOLD-Report aus?

Prof. Vogelmeier: Wir haben die Impfempfehlungen erweitert, aufbauend auf einer Empfehlung der CDC (Centers for Disease Control and Prevention). Diese beinhaltet, Patienten*innen mit Risikokonstellationen auch gegen RSV zu impfen.Inzwischen sind dafür zwei RSV-Impfstoffe zugelassen. In Deutschland haben wir nur das Problem, dass sich die STIKO zu dieser Thematik noch nicht geäußert hat. Wenn man auf alle vorliegenden Daten schaut, dann wird deutlich, dass COPD-Patienten*innen gegen Pneumokokken, Influenza, Corona, Herpes Zoster, Keuchhusten und RSV geimpft sein sollten.Inzwischen sind wir schon bei sechs Impfungen – was in der praktischen Umsetzung gar nicht so trivial ist. Die Impfungen könnten aber über das Jahr gespreizt werden, sodass nicht alles im Zusammenhang mit der Winterperiode gegeben werden muss.

Prof. Trinkmann: Dann lassen Sie uns noch zu einem letzten Thema übergehen, in den Bereich der Lungenfunktion: PRISm, also Preserved Ratio Impaired Spirometry. Dieses Thema wird aktuell viel diskutiert, gerade international, was jetzt auch im GOLD-Report aufgenommen wurde. Können Sie uns dazu ein paar Eindrücke und Zusammenhänge aus GOLD geben?

Prof. Vogelmeier: Die ganze Diskussion kam im Zusammenhang mit der Frage, wie die COPD früher diagnostiziert werden kann, auf. Wir haben immer mit dem Thema gekämpft, dass die meisten Patienten*innen erst diagnostiziert werden, wenn schon sehr viel Lunge unwiederbringlich zerstört ist. Hier stellt sich die Frage, was für Konstellationen anzeigen, ob ein*e Patient*in mal eine COPD bekommen könnte. Hierzu kamen zwei Konzepte auf: Zum einen Pre-COPD, das sind Patienten*innen die Symptome, strukturelle Veränderungen oder andere abnormale Lungenfunktionsparameter haben, aber pathologisch jenseits der Spirometrie sind. Das Zweite, was dann aufkam, war PRISm. Auf Deutsch soll das heißen: Die Patienten*innen haben einen normalen Quotienten, aber ein eingeschränktes FEV1 von unter 80 % des Solls. Eine Studie von 2021 zeigte, dass das Vorhandensein von PRISm bei Studienbeginn im Vergleich zu normalen Spirometriewerten signifikant mit einem erhöhten Risiko für die Gesamtmortalität und koronare Herzkrankheit (KHK)-bedingte Sterblichkeit assoziiert war.Eine ganz neue Publikation zeigte nun außerdem, dass PRISm kein stabiler Befund sein muss.Werden solche Patienten*innen longitudinal betrachtet, werden ungefähr 50 % der PRISm-Individuen auch bei der zweiten Evaluation als PRISm eingestuft, wie diese Studie zeigte.Die andere Hälfte wird entweder normal oder bekommt eine manifeste COPD.Das bedeutet, wenn man so etwas diagnostiziert, darf man das nicht einfach abtun, sondern muss, meines Erachtens, diese PRISm Patienten*innen nachverfolgen.

 

Prof. Trinkmann: Der GOLD-Report ergänzt also auch in diesem Jahr wieder zahlreiche praxisrelevante Aspekte und für alle Interessierte ist das Dokument auch kostenlos im Internet unter www.goldcopd.org frei abrufbar. Und damit möchte ich mich bei Ihnen, Herr Vogelmeier, für die interessanten Einblicke bedanken.

Weiterführende Informationen

Änderungen von 2023 nochmal auffrischen? Hier  kommen Sie zum Podcast über den GOLD-Report 2023.

Den GOLD-Report 2024 können Sie hier  kostenlos herunterladen

Quellen:

  1. Global Strategy for the Diagnosis, Management, and Prevention of Chronic Obstructive Pulmonary Disease, GOLD-Report 2023, Version 1.0
  2. Global Strategy for the Diagnosis, Management, and Prevention of Chronic Obstructive Pulmonary Disease, GOLD-Report 2024, Version 1.0
  3. Tabakentwöhnung und E-Zigarette (pneumologie.de; Stand 05.12.2023)
  4. AMWF, S3-Leitlinie “ Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung” Langfassung, Version 3.1, 2021
  5. RSV in Older Adults and Adults with Chronic Medical Conditions | CDC; (Stand 05.12.2023)
  6. Wan ES. Et al., JAMA 2021; 326(22):2287-2298
  7. Perez-Padilla R. et al., Int J Chron Obstruct Pulmon Dis, 2023; 21: 18: 1277-1285

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