Achtung Inflammation – der Einfluss der Ernährung auf Lungenerkrankungen und Allergien

Berlin, 31.01.2024 | Lesezeit: 3 Min.

Fast jede*r wird sich schon einmal vorgenommen haben, gesünder zu essen. Langfristig gelingt das jedoch nur wenigen. Allerdings hat die Ernährung großen Einfluss auf die Gesundheit. Verbreitete Ursachen von Morbidität und Mortalität sind Erkrankungen, die in starkem Zusammenhang mit der Ernährung stehen.1 Der Hauptverdächtige: die sogenannte westliche Diät, gekennzeichnet durch einen hohen Anteil stark verarbeiteter Lebensmittel, Zucker und Fett.1 Um dem entgegenzuwirken, ist individuelle Unterstützung gefragt.

Schwein oder nicht Schwein, …

Gesunde Ernährung besteht vor allem aus pflanzlichen Produkten sowie in geringerem Maße tierischen Produkten aus artgerechter Haltung.1 Dazu gehören Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und fermentierte Produkte, aber auch Ei, Joghurt, Käse, Fisch und mageres Fleisch sowie Kräuter und Gewürze – optimalerweise regional erzeugt, frisch und selbst zubereitet.1 Diese Lebensmittel enthalten einen hohen Anteil mehrfach ungesättigter Fette, Ballaststoffe, komplexer Kohlehydrate, Antioxidantien und essentieller Mikronährstoffe.1 Vermieden werden sollten dagegen gesättigte und Transfette aus gehärteter Margarine, fettigem roten Fleisch und Wurstwaren, stark zuckerhaltige Lebensmittel wie Süßigkeiten und Limonaden und stark verarbeitete Lebensmittel, die einen hohen Anteil von Zusatzstoffen und glykosylierten Proteinen und Fetten enthalten.1 Wichtig ist allerdings, nicht auf einzelne Nährstoffgruppen, bspw. Kohlenhydrate oder Salz, (fast) ganz zu verzichten, da sonst Mangelerkrankungen drohen können.2

Ernährung, Gesundheit und Lunge

Eine dauerhaft ungesunde Ernährung kann im Körper Entzündungsreaktionen und oxidativen Stress auslösen. Dadurch kann die Barrierefunktion der Haut und Schleimhäute gestört werden und so die Anfälligkeit für Infektionen erhöht werden. Aber auch das Risiko für chronisch entzündliche und atopische Erkrankungen kann steigen, diese können verschlechtert oder exazerbiert werden.1,3

Asthma

Sowohl das Risiko der Entstehung als auch der Verlauf einer Asthma-Erkrankung stehen aktueller Forschung zufolge im Zusammenhang mit der Ernährung,4 wobei die genauen Mechanismen der Entstehung eines Asthmas noch nicht genau verstanden sind. Auch die frühkindliche Ernährung kann möglicherweise, neben weiteren Faktoren wie der genetischen Prädisposition oder Exposition von Schadstoffen, einen großen Einfluss auf die spätere Manifestation einer Asthma-Erkrankung haben.1 Ursächlich ist vermutlich, dass sich zu diesem Zeitpunkt das Immunsystem entwickelt, was maßgeblich für die immunologische Resilienz für das ganze Leben sein kann.4 Es konnte gezeigt werden, dass sich eine westliche Ernährung, gekennzeichnet durch erhöhten Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel mit hohem Fett- und Zuckeranteil, langfristig negativ auf die Immunzellfunktion auswirken kann. Denn in Fettgewebe werden vermehrt pro-inflammatorische Stoffe freigesetzt, die Gewebe im ganzen Körper schädigen und eine chronische Entzündung fördern können.4 Ein aus solcher Ernährung resultierendes Übergewicht kann Menschen mit Asthma besonders belasten, da die Atemarbeit durch zusätzliches Gewicht erhöht wird. Auch kommt mit Übergewicht oft mangelnde körperliche Bewegung einher, was sich ebenfalls negativ auf die Asthma-Erkrankung auswirken kann.4 Der Konsum von ungesättigten Fetten und komplexen Kohlenhydraten, sowie die Reduktion von Fettgewebe und Übergewicht können sich dagegen positiv auf die systemische Inflammation und Asthma auswirken.4

Allergien

Bei Allergien und Ernährung geht der Gedanke schnell in Richtung der Vermeidung von Lebensmitteln, gegen die bei den Patienten*innen eine (Kreuz-)Sensibilisierung nachgewiesen wurde. Aber ähnlich wie bei Asthma spielt auch bei Allergien gegen Inhalationsallergene und anderen atopischen Erkrankungen die Ernährung eine Rolle für das Risiko, später daran zu erkranken oder die Erkrankung negativ zu beeinflussen.5 Schon seit einigen Jahrzehnten gibt es daher Empfehlungen zur frühkindlichen Ernährung. Mittlerweile zeigte sich eine möglichst diverse Ernährung schon im ersten Lebensjahr von Vorteil bezüglich der Entwicklung von Lebensmittelallergien, aber auch Allergien gegen Inhalationsallergene.5,6 Bei der späteren Ernährung spielt vor allem die inflammatorische Wirkung eine Rolle, entzündungsfördernde Lebensmittel können das Risiko an allergischer Rhinitis zu erkranken oder eines Etagenwechsels einer Allergie hin zum Asthma erhöhen.6 Anti-inflammatorische Ernährung kann sich dagegen protektiv auswirken.6

COPD

Bei COPD ist der Einfluss der Ernährung etwas weniger offensichtlich. Tatsächlich zeigte sich bei COPD-Patienten*innen paradoxerweise sogar ein positiver Effekt von Übergewicht auf die Mortalität.2,3 Erklären lässt sich dies vermutlich mit der Verteilung des Körperfetts. So kann ein*e scheinbar normalgewichtige*r Patient*in unter einer sarkopenischen Obesität leiden, wobei Fettgewebe den Schwund der Skelettmuskulatur kaschiert. Deshalb ist besonders bei einer COPD der BMI als Maß nicht ausreichend, da dieser Körperfettanteil und Skelettmuskulatur nicht berücksichtigt.2 Untergewicht oder schneller Gewichtsverlust sind dagegen bei einer COPD mit besonders hoher Mortalität verhaftet, da die Muskulatur aufgrund von Nährstoffmangel die hohe Arbeit für die Atmung nicht mehr in ausreichendem Maße leisten kann.2 Diese Gewichtsentwicklung ist, anders als lange angenommen, nicht nur ein Progressionsmarker der Erkrankung sondern ein modifizierbarer Faktor, der durch eine angemessene Ernährungsintervention positiv beeinflusst werden kann.2

Erfolgreich intervenieren – nicht nur der innere Schweinehund

Um die negativen gesundheitlichen Folgen einer Fehlernährung zu verhindern, muss gerade bei Patienten*innen mit chronischen Erkrankungen interveniert werden. Eine gesunde Ernährung scheitert aber oft nicht an mangelndem Bewusstsein, sondern an der Umsetzung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ernährung sich auch auf die psychische Gesundheit auswirkt – und psychische Komorbiditäten sind bei Asthma, COPD und Allergien keine Seltenheit.7 Daher ist eine sensible Ansprache und ein individuell auf Patienten*innen und ihre Lebenssituation zugeschnittenes Ernährungsmanagement besonders wichtig.2,8 Dabei sollten realistische Ziele gesetzt werden. Auch eine professionelle Ernährungsberatung kann helfen, welche z. B. über die meisten Krankenkassen in Anspruch genommen werden kann. Gute Vorsätze Ihrer Patienten*innen zum neuen Jahr beispielsweise lassen sich nutzen, um eine Ernährungsumstellung (noch einmal) anzugehen. Mit Ihrer Unterstützung kann diese zum Erfolg führen!

Weiterführende Informationen

Wie modifiziert die Ernährung das Immunsystem? – Einen großen Anteil hat das Mikrobiom. Lesen Sie hier  nach, wie die Darmflora auf die Lunge beeinflusst.

Asthma und Übergewicht hängen eng zusammen. Wie eng können Sie hier  nachlesen.

Bei chronischen Erkrankungen und Allergien übernehmen Krankenkassen teilweise die Kosten für eine Ernährungsberatung oder bieten diese selbst an. Informationen dazu finden Ihre Patienten*innen zum Beispiel hier.

Quellen:

  1. Vlieg-Boerstra B. et al., Allergy, 2023; 78(6): 1441-1458
  2. Beijers R. et al., Eur Respir Rev, 2023; 32(168): 230003
  3. Schols A.M. et al., Eur Respir J, 2014; 44(6): 1504-1520
  4. Frontela-Saseta C. et al., J Clin Med, 2020; 9(7): 2063
  5. D'Auria E. et al., Front Pediatr, 2020; 8: 545
  6. Venter C. et al., Allergy, 2020; 75(3): 497-523
  7. Suarez-Lopez L.M. et al., Healthcare (Basel), 2023; 11(15): 2183
  8. Venter C. et al., J Allergy Clin Immunol Pract, 2023; 11(8): 2345-2347

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